Entscheidend für die akustische Qualität des Saales war das präzise Zusammenspiel von Raumproportionen und -volumen mit dem Innenausbau: ein Zollingerdach, gegliederte Holzoberflächen, Deckensegel und Bestuhlung. So entstand ein Musikraum, der Soloinstrumente, Gesang und kleinere Ensembles klar und räumlich trägt und zugleich die für Kammermusik erforderliche klangliche Lebendigkeit entwickelt.
Müller-BBM Building Solutions begleitete die Revitalisierung vom Wettbewerb bis zur Fertigstellung in allen Fragen der Raumakustik. Projektleiter Michael Wahl erläutert, welche akustischen Voraussetzungen die historische Reitschule mitbrachte und wie Architektur und Akustik im Rudolf Buchbinder Saal aufeinander abgestimmt wurden.
Die Reitschule in Grafenegg blickt auf eine fast 200-jährige Geschichte zurück. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als wohlproportioniertes Gebäude in einem schlichten klassizistischen Stil errichtet. Ursprünglich beherbergte sie einen einzigen großen Saal, der sich über die gesamte Gebäudehöhe erstreckte.

Die revitalisierte Reitschule in Grafenegg mit dem neu aufgebauten Dach des Rudolf Buchbinder Saales. Foto: Kurt Kuball
Im Zuge der Überlegungen zur Revitalisierung und während der Wettbewerbsphase wurden unterschiedliche Nutzungsprofile untersucht. Durchsetzen konnte sich schließlich die Idee, einen Konzertsaal im Obergeschoss und ein großzügiges, flexibel nutzbares Foyer im Erdgeschoss unterzubringen.
Diese Lösung eröffnete funktionale und architektonische Möglichkeiten, stellte aber zugleich eine wesentliche akustische Anforderung: Für den Kammermusiksaal musste trotz der historischen Gebäudestruktur eine ausreichende Raumhöhe und damit das notwendige Raumvolumen geschaffen werden. Das neu interpretierte Dach übernahm dabei eine zentrale Rolle.
Bei Kammermusik spielt die Grundform des Saales eine wichtige Rolle. Soloinstrumente und Gesangsstimmen weisen eine ausgeprägte Hauptabstrahlrichtung auf. Eine symmetrische Rechteckform schafft günstige Voraussetzungen dafür, dass Direktschall und frühe Reflexionen das Publikum ausgewogen erreichen und der Raum die musikalische Kommunikation zwischen den Ausführenden unterstützt.

Einordnung des Rudolf Buchbinder Saals im Obergeschoss der historischen Reitschule – dargestellt in Axonometrie, Längs- und Querschnitt. Foto: MBBM-BSO
Der Rudolf Buchbinder Saal ist im Parkett etwa 28 Meter lang; im Bereich der Galerie beträgt die Saallänge bis zu rund 36 Meter. Bei einer Breite von etwa 15 Metern und einer Raumhöhe von rund zehn Metern im Scheitelpunkt des Daches ergibt sich ein Raumvolumen von ungefähr 4.200 m³.
Für einen Kammermusiksaal mit 400 bis maximal 500 Plätzen stellt dies eine hervorragende Grundlage dar. Der Raum bietet damit die notwendigen Voraussetzungen, um Soloinstrumente, Gesang und kleinere Ensembles klanglich zu tragen, ohne die für Kammermusik erforderliche Klarheit und Nähe zu verlieren.
Das sogenannte Zollingerdach überspannt den gesamten Saal. Die aus ineinandergreifenden massiven Holzstäben bestehende Konstruktion bleibt im Innenraum sichtbar und bildet eine reich strukturierte Deckenoberfläche.

Visualisierung der sichtbaren Zollinger-Dachkonstruktion, die den gesamten Saal überspannt und seine Deckenstruktur prägt. Foto: MBBM-BSO
Tonnenförmige Raumabschlüsse können allerdings auch akustisch problematisch sein, da gekrümmte Flächen Schall bündeln und unerwünschte Fokussierungen hervorrufen können. Unterhalb des Daches wurde deshalb ein konvexes Deckensegel angeordnet. Es unterstützt eine gleichmäßige Schallverteilung in die hinteren und seitlichen Zuhörerbereiche und wirkt möglichen Fokussierungen entgegen.

Konvexes Deckensegel unterhalb des Zollingerdaches. Foto: MBBM-BSO
Gegliederte Raumoberflächen sind in Musiksälen essenziell für ein ausgewogenes Klangerlebnis. Daher wurden die Wand- und Deckenflächen mit dreiecks- beziehungsweise pyramidenförmigen Holzstrukturen versehen. Sie brechen großflächige Reflexionen auf und tragen zu einer ausgewogenen räumlichen Verteilung des Schalls bei.

Visualisierung des Saals mit ebenem Parkett, strukturierten Wand- und Deckenflächen sowie konvexem Deckensegel zur gleichmäßigen Schallverteilung. Foto: MBBM-BSO

Diffus schallreflektierende Wandverkleidung mit dreiecksförmiger Struktur. Foto: MBBM-BSO

Tragkonstruktion Zollingerdach mit pyramidenförmiger Struktur im Gefachbereich. Foto: MBBM-BSO
Bleibt die Frage, inwieweit die großen Glasflächen der historischen Fenster der Raumakustik abträglich sind. Gar nicht, lautet die kurze Antwort.
Der Rudolf Buchbinder Saal verfügt über zahlreiche filigran strukturierte Oberflächen, welche die akustischen Eigenschaften der Glasflächen günstig ergänzen. Die hochschalldämmenden Kastenfenster schützen den Saal zugleich vor störenden Außengeräuschen. Darüber hinaus lassen sie viel Tageslicht in den Raum und öffnen den Blick in den Schlosspark – eine Qualität, die nicht zuletzt bei langen Probenphasen geschätzt wird.
Für Veranstaltungen mit höherer Lautstärke wurden zusätzlich verdeckt integrierte Vorhänge vorgesehen. Mit ihnen lässt sich die Schallabsorption bei Bedarf erhöhen, ohne die architektonische Wirkung des Saales dauerhaft zu verändern.
Im Parkett des Rudolf Buchbinder Saales ist die Bestuhlung eben angeordnet, wie es für viele historische Säle charakteristisch und auch in der früheren Reitschule vorgesehen war. Im Zuge des Umbaus wurde der flache Parkettbereich um etwa neun Meter verkürzt. An seiner Rückseite entstand eine neue Galerie mit ansteigender Reihenüberhöhung.
Diese Staffelung verbessert nicht nur die Sichtbeziehungen, sondern unterstützt auch die Schallversorgung der hinteren Zuhörerbereiche.


Stapelbare Leichtpolsterbestuhlung im ebenen Parkett. Leichtpolsterbestuhlung mit Reihenüberhöhung auf der neuen Galerie. Foto: MBBM-BSO
Die Stühle übernehmen innerhalb der Raumakustik eine in positiver Weise wirkende Zwitterfunktion. Im unbesetzten Zustand während einer Probe absorbieren sie weniger Schall als das spätere Publikum; die Nachhallzeit steigt dadurch leicht an. Die ideale Klangentfaltung stellt sich hingegen im besetzten Zustand während des Konzerts ein – ein Prinzip, das auch aus vielen historischen Konzertsälen bekannt ist.


Blick von der Galerie auf das Podium sowie vom Podium auf die neue Galerie im Rudolf Buchbinder Saal. Foto: Kurt Kuball
Damit sich die akustischen Bedingungen zwischen einem leeren und einem besetzten Saal nicht zu stark verändern, mussten Polsterung, Aufbau und Materialität der Bestuhlung sorgfältig abgestimmt werden. Die akustischen Eigenschaften der vorgesehenen Stühle wurden deshalb im Hallraum von Müller-BBM Building Solutions untersucht und im Planungsprozess optimiert.


Stapelbare Leichtpolsterbestuhlung im Hallraum der Firma Müller-BBM Building Solutions, unbesetzter und besetzter Zustand.. Foto: MBBM-BSO
Noch vor der Fertigstellung konnten die Nachhallzeiten und weitere raumakustische Kriterien während unterschiedlicher Probensituationen messtechnisch erfasst werden.
Die Ergebnisse bestätigten die auf Kammermusik abgestimmte Planung: Bei den Oktavmittenfrequenzen von 500 und 1.000 Hertz wurden Nachhallzeiten von etwa 1,6 bis 1,9 Sekunden gemessen. Zu den tiefen Frequenzen steigt die Nachhallzeit wie gewünscht an, während sie im hohen Frequenzbereich leicht abfällt, ohne die Brillanz des Klangbildes einzuschränken.

Einfluss der Bestuhlung auf die Nachhallzeiten im Rudolf Buchbinder Saal. Abbildung: MBBM-BSO
Die Messwerte zeigen zugleich, dass die einzelnen Elemente nicht isoliert betrachtet werden können. Erst das Zusammenspiel aus Raumvolumen, Saalform, Oberflächenstrukturierung, Deckensegel, Fensterkonstruktionen und Bestuhlung erzeugt die angestrebten akustischen Bedingungen.
Im Rudolf Buchbinder Saal der Reitschule Grafenegg kann exzellent musiziert werden. Der neue Raum bietet sowohl den Musikerinnen und Musikern als auch dem Publikum ein ganz besonderes architektonisches Ambiente und ein ausgezeichnetes musikalisches Erlebnis.

Gäste und Projektbeteiligte bei der Eröffnung des Rudolf Buchbinder Saales am 29. Mai 2026. Foto: Sofija Palurovic
Mit dem Rudolf Buchbinder Saal wurde die langjährige Zusammenarbeit zwischen Grafenegg und Müller-BBM fortgesetzt. Bereits beim Auditorium und beim Wolkenturm war Müller-BBM für die Akustik verantwortlich. Das hervorragende Renommee des Gesamtareals von Auditorium und Wolkenturm wird durch den neuen Kammermusiksaal in idealer Weise optisch und akustisch ergänzt
Der Rudolf Buchbinder Saal wurde am 29.05.2026 mit einem Konzert persönlich von Rudolf Buchbinder feierlich eröffnet.
Michael Wahl – michael.wahl@mbbm-bso.com
Beratungsingenieur
Müller-BBM Building Solutions | Standort Planegg
Im Beitrag: Raumakustische Planung bei der Revitalisierung eines historischen Gebäudes zum Kammermusiksaal